Raketentests und Treibstofferzeugung

Pruefstand

Prüfstand mit Feuerstrahl-Lenkschacht

Als Kernstück des Werkes "Schlier" wurde im Winter 1943/44 auf dem "Saurüssel" oberhalb der Brauerei der Raketenprüfstand mit 2 Feuerstrahl-Lenkschächten gebaut. Dazu gehörten ein Eingangsbunker und die Verbindungsstollen. Die zu testenden Aggregate wurden direkt in den Hügel eingefahren; dafür war von den Häftlingen eine eigene Geleisverbindung zur Westbahn gebaut worden.
Bei den Tests hängte man die Triebwerke mit der Schubkraft nach oben an der Decke auf, weshalb die Betonwände auch mehrere Meter dick sein mussten. Nach der Zündung schoss ein Feuerstrahl den 2oo m langen und am Boden wieder nach oben gekrümmten Lenkschacht hinab; riesige Dampfwolken schossen in die Höhe; die Versuche waren von einem kilometerweit zu hörenden Getöse begleitet. Durch Sehschlitze in den Betonwänden beobachtete die Prüfmannschaft die Versuche.

In den neu gebauten Stollen, v. a. aber in den beschlagnahmten Kellern der Brauerei wurden Treibstoffkomponenten (flüssiger Sauerstoff) erzeugt bzw. aufbereitet.

Strahllenkschure
Feuerstrahl-Lenkschacht von innen, auch "Schurre" genannt

Treibstoffbunker
Brauereikeller für Treibstofferzeugung

Die Beton- und Stollenbauten wurden unter großem Zeitdruck durchgeführt; die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Häftlinge waren sehr hart. Paul Le Caer erinnert sich:   Es ist zu sagen, daß ... [oft] Schnee lag und daß es viel Gewalt gab. In der Regel schneite es den ganzen Tag, oder der Schnee vermischte sich mit dem Regen. Die Temperaturen waren niedrig und die Arbeitsbedingungen sehr schwierig. Wir arbeiteten mit Hacken und Schaufeln, ohne mechanische Hilfsmittel, im Schlamm. Wir mußten die Waggons schieben, die Erde aufladen und dann den Beton machen. Die Herstellung des Betons erschöpfte die Männer, da man immer die Mischmaschine füllen mußte. Sand und Zement, Sand und Zement, immer Sand und Zement und das nächtelang. Ziemlich oft gab es im Stollen auch Morde. Die Wachtposten schlugen die Männer, um sich zu amüsieren. Aber nicht nur das. Die Capos schlugen uns auch, um die Arbeit zu beschleunigen, weil das Vorankommen schließlich von den Leuten abhing. Man muß bedenken, daß von dieser Fabrik der Ausgang des Krieges abhing - für sie (die SS). Aber für uns, eine arme Masse von Halbtoten, - wir hatten wenig Kleidung, wenig Nahrung - war es die totale Vernichtung.

Arbeiten

Auf Häftlinge, die vor Erschöpfung oder aus Unachtsamkeit zwischen die Betonschalung fielen, wurde keine Rücksicht genommen: ihre Kameraden mussten ohne Unterbrechung weiterarbeiten und die noch Lebenden unter Beton begraben. (Für den Prüfstand und den Trafobunker gibt es dafür Augenzeugenberichte; beim Abbruch des Eingangsbunkers in der Nachkriegszeit sollen Gerüchten zufolge menschliche Überreste zum Vorschein gekommen sein.)

Eingangsbunker
Betonbunker im Einfahrtsbereich

An den Bauarbeiten, am Testbetrieb und an der Treibstofferzeugung waren verschiedene Firmen beteiligt, die neben eigenem Fachpersonal - oft kriegsdienstverpflichteten Zivilarbeitern - und mitgebrachten Zwangsarbeitern auch "Schlier"-Häftlinge beschäftigten: Rella, Universale, Porr, AEG, Mayreder & Kraus, Ferro Betonit AG und auch lokale Baumeister wie Tremetsberger; weiters Wertheim, Aumann, Wagner-Biro, Wiener Brückenbau. (Einsatzliste vom 28. März 1944; Tagebuch von Dr. Wilhelm Limbeck-Lilienau; Ganglmair, 24f)

Kurz vor der Fertigstellung der Prüfanlage ereignete sich am 29. Februar 1944 eine schwere Explosion, die mindestens 14 Menschen des technischen Personals das Leben kostete. Erst Anfang Mai konnte dann mit dem Testbetrieb begonnen werden; nach dem schweren Unfall vom 29. August 1944 mit mindestens 25 Toten wurden keine weiteren Raketenprüfungen mehr vorgenommen.