Das Räuber - Beute Prinzip

Populationsdynamik

Ernährt sich eine Tierart (Räuber) vorwiegend von einer einzigen anderen Art (Beute) desselben Lebensraumes, und wandern Tiere weder zu noch ab, dann steigt die Anzahl der Räuber, wenn die Anzahl der Beutetiere zunimmt. Je größer das Nahrungsangebot ist, desto mehr Nachkommen können die Räuber aufziehen. Die Anzahl der Beutetiere wirkt sich also positiv auf die Anzahl der Räuber aus. Je länger die Generationsdauer der Räuber ist, desto später tritt diese Wirkung ein. Die Zunahme der Räuber erfolgt also erst einige Zeit nach der Zunahme der Beutetiere. Da aber mehr Räuber auch mehr Beutetiere fressen, mindert die Anzahl der Räuber die Anzahl der Beutetiere (negative Rückwirkung). Auch hierbei beobachtet man eine gewisse Verzögerung (Totzeit) in der Änderung der Individuenzahl. Die Wechselwirkung der Populationsdichten von Beutetier und Räuber kann als Regelkreis beschrieben werden.


Regelsysteme mit langen Verzögerungen (Totzeiten) können ins Schwingen geraten. Dies zeigt sich in dem künstlichen Räuber - Beute - System in wiederkehrenden Schwankungen der Populations-
dichte.
Auch in der Natur beobachtet man phasenverschobene Schwingungen der Populationsdichten von Räuber und Beute. Die gegenseitige Abhängigkeit von Tierarten kann so gesetzmäßig sein, daß sie rechnerisch zu erfassen ist. Die Berechnungen der Mathematiker Gause und Volterra wurden nicht nur im Experiment, sondern auch in der Natur bei den Populationsschwankungen von Marienkäfern, welche Zitrusschildläuse jagen, sowie von Schlupfwespen und Käferlarven bestätigt.
Wird die Anzahl der Individuen einer Population von Blattläusen (Beute) und einer Population von Marienkäfern (Räuber) durch chemische Bekämpfung prozentuell gleich reduziert, so erholt sich meist die Beutepopulation, die erneut Schäden verursacht. Die Zahl der Räuber nimmt zunächst noch weiter ab. Dieses Phänomen ist eine Folge der Phasenverschiebung der Schwingungen der Populationsdichten von Räuber und Beute. Allein aus dem Auftreten derartiger Schwingungen darf man jedoch nicht auf einen bestimmenden Einfluß des Räubers auf die Beutepopulation schließen. Dies ergab z.B. die Analyse des Räuber - Beute - Systms Nordluchs - Schneeschuhhase in Kanada; denn dort, wo der Nordluchs ausgerottet ist, beobachtet man weiterhin Schwankungen der Hasenpopulation. Auf dem Höhepunkt der Populationswelle übersteigt die Sterberate die Geburtenrate aufgrund von sozialem Streß, so daß die Gesamtzahl der Hasen abnimmt.
Besonders auffällig sind Populationswellen bei Lemmingen, Hasen, Wühlmäusen, Schnee- und Rebhühnern; bei ihnen erscheint alle drei bis vier Jahre ein deutliches Maximum. Auch bei diesen Arten kann sozialer Streß eine hohe Populationsdichte senken. Forstwirtschaftlich bedeutsam ist z.B. die Massenentwicklung des Borkenkäfers oder der Nonne (Schmetterling).


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