Literaturwettbewerb
für Europas junge Leser und Leserinnen

Mag. Helga Leitner

Die Teilnahme am europäischen Literaturwettbewerb 2000 "Simply words? Lesen ist mehr! Ist Lesen mehr?" des Österreichischen BibliotheksWerks wurde mit einem ersten Preis in Österreich ( 500 für Tanja Koineggs Text "Antigone") sowie einem Hauptpreis (mehrere Bücher für Ines Aubergers Gedicht "Leseerfahrungen") belohnt:


Antigone

Nach Lektüre der folgenden Texte:
Sophokles: Antigone
Jean Anouilh: Antigone
Elisabeth Langgässer: Die getreue Antigone
Rolf Hochhuth: Die Berliner Antigone

Betroffen schließe ich meine Augen, mein Atem ist schwer und tief. Ich spüre eine heiße Träne, die wie ein Messer über meine Wange streicht. Fassungslos höre ich in mich hinein, fühle meinen hohen Pulsschlag und sehe die Bilder der Verzweiflung vor mir. Der Geruch der Sinnlosigkeit steigt mir fast unmerklich in die Nase und meine Gedanken kreisen um ihren Tod, ihren Tod.
Sie opferte ihr Leben gegen alle Vernunft für den Bruder und widersetzte sich selbst der obersten Macht. Nur die Götter waren auf ihrer Seite, doch auch die konnten ihren Abschied nicht verhindern.
Langsam richte ich mich auf und versuche, mich wieder zurechtzufinden. Mein verschwommener Blick schweift durch mein Zimmer: ein grüner, freundlicher Teppich, neue helle Möbel, eine moderne Stereoanlage und ein wahres Himmelbett. Doch als ich die frischen Blumen auf meinem Regal stehen sehe, überkommt mich eine lähmende Traurigkeit. Ich spüre die Vergänglichkeit, die uns alle einmal betrifft, wenn nicht vielleicht schon morgen. Momentan genießen die Blumen noch ihr Wasser, ihre Lebensgrundlage. Auch der Mensch ist von einer anderen Macht abhängig, doch irgendwann findet sich in der Vase nur noch gähnende Trockenheit und selten verschwendet einer einen Gedanken an das Nachfüllen.
Das menschliche Dasein ist ebenfalls befristet und von der nächsten Machtstufe abhängig, doch eine wagte es, sich den Vorschriften der Unterwürfigkeit zu widersetzen. Ihr war die Ehre des eigenen Bruders wichtiger als ihre eigene Existenz und selbst in den schlimmsten Tagen und Stunden des Zweifels blieb sie ihren Prinzipien treu.
Jetzt registriere ich erst, dass meine Augen auf Bilder an der Wand starren: Meine Eltern, meine Freunde, meine Trainer, ...alles Menschen, vor denen ich Respekt habe. Wäre ich so stark, mich ihren Anforderungen zu widersetzen? Würde ich unangepasst meine Einstellung preisgeben?
Sie schaffte es. Sie setzte ihren Willen durch und erreichte ihr Ziel, welches für manche Außenstehende nicht unbedingt erstrebenswert scheint.
Ich stehe auf und ziehe die Blumen aus der Vase, hänge sie zum Trocknen auf. Es ist ein schmerzhafter Prozess, doch am Ende finden sie die ewige Ehre in der jetzt wasserlosen Vase auf meinem Regal. Dort stehen sie jetzt immer noch. Mein Name ist Antigone. Bin ich nicht mehr Tanja?
Lesen verändert.

Tanja Koinegg

(1.Preis in Österreich beim europaweit ausgeschriebenen Literaturwettbewerb "Simply words. Lesen ist mehr. Ist Lesen mehr?")


Leseerfahrungen

Seite auf Seite,
Zeile um Zeile,
schwarzweiße Weite,
Spannung wie Langeweile.

Dürrenmatt und
Schiller und
Horvath und
Herder

Hohlbein wie
Goethe
und Stifter
wie Schiller

Stephen King und
Fichte und
Frisch und Hauptmann.
Bachmann und Büchner
Novalis nebst Hoffmann.

Aus Morgentau erstand'ne Helden,
aus Untiefen gespie'ne Gestalten,
aus Phantasie gebor'ne Welten,
alles in Worten festgehalten.

Verlierer und Gewinner
und auch welche, die keins von beiden sind,
und nicht nur Glück und Trauer,
die in Gedanken eingewoben sind.

Die Laute fehl'n so wie die Bilder
und dennoch liest man allzugern
von Welten und von Menschen so ewig, ewig fern.

Ines Auberger

(Hauptpreis beim Literaturwettbewerb "Simply words")