Reminiszenzen einer Absolventin an die Hummelhofschule,
notiert im Jahre 1990:


Es war nicht (ganz) so wie im Film "Die Feuerzangenbowle". Die weißen Mäuse rannten nicht durchs Klassenzimmer (eher Ratten durch den Innenhof), und es gab auch kein Debakel im Physiksaal - nur die Kulisse, die Kulisse hätte sich hervorragend für Dreharbeiten geeignet!

Die Kulisse - das war das Wirtschaftliche Bundesrealgymnasium für Mädchen in der Maderspergerstraße 22, kurz "Hummelhofschule" genannt. Jeder Regisseur eines klassischen Schulfilms hätte sein letztes Hemd dafür gegeben, um an diesem historischen Ort drehen zu dürfen - an schauspielernden Mädchen hätte es ihm nicht gemangelt. Vor allem mein Jahrgang (1970-78) zeigte sich in dieser Richtung sehr begabt. Wie schon gesagt, es waren keine weißen Mäuse, die die Lehrer verrückt machten, nein, wir standen auf den Schulbänken und mimten Alexander den Großen und Maria Theresia, wir fühlten uns von diesen romantischen Gemäuern hingerissen zu hehren, bedeutsamen Taten (in schulischer Hinsicht natürlich!?)...

Was war an dieser Schule so Besonderes? Was unterschied sie von anderen Einrichtungen dieser Art? Unsere gute alte Hummelhofschule heute zu besichtigen heißt, auf einem leeren Platz zu stehen und sich an sie zu erinnern, an den alten Bauernhof, den man dazu umfunktioniert hatte, uns darin etwas beizubringen, und der doch trotz seiner dicken Wände den alten Geist nie restlos aus seinen Gemäuern zu verbannen vermochte. Wir nahmen Zeichenunterricht im ehemaligen Schweinestall (meine künstlerischen Ergüsse gerieten danach), der Musik huldigten wir in einem niederen Raum mit gewaltigen Säulen (welche wir im Dreivierteltakt bemalten), und die Treppen und Böden aus Holz verrieten knarrend jedes Zuspätkommen. Es ist unmöglich, die Details aufzuzählen, die die Stimmung dieser Schule widerspiegeln, sagen wir, es war warm, familiär, romantisch, gemütlich, der Hauch des Verfalls (gegen Ende meiner Schulzeit schon mehr zum Sturm angewachsen) gab dem Ganzen dazu noch etwas leicht Gefährliches - nicht ohne Grund war ein Teil des Gebäudes von der Baupolizei gesperrt!

Es gehörte so vieles dazu: die Baracke, die man neben der Schule aufgebaut hatte und die noch einige Klassen beherbergte, der Weg dorthin, vom Hauptgebäude durch den kleinen Garten - während ich dies schreibe, stelle ich mir vor, hinüberzuwandern, die Angst vor der nächsten Schularbeit im Nacken, drüben ein aufmunterndes Gespräch mit Frau Kepplinger, einer der fleißigen Seelen, die für Ordnung sorgten. In meiner Erinnerung sehe ich Herrn Scheuchl, unseren unvergeßlichen Schulwart, ein Orginal wie die Schule selbst, der gute Kern in der manchmal rauhen Schale (die ihm z.B. beim Jausenverkauf das Überleben sicherte), ein Schulwart, der mehr war als nur Hausbesorger. Alle, die ihn kannten, wissen, was ich meine. 1976 entstand eine Schülerzeitung, "Bumble Bee". Sie wurde mit viel Einsatz und Begeisterung gestaltet, das Redaktionsteam raste durch die Gänge, überredete manch zögernden Lehrer zu einem Interview, tippte an den Tischen, die in den Durchgängen zum Konferenzzimmer standen, und selbst der "Heizer" (ein kräftiger Mann in Blau, der die Öfen in den Klassenzimmern anheizte) half beim Abziehen der Zeitung. Am schwarzen Brett hingen die Termine für die Redaktionssitzungen, ein eigener Redaktionsbriefkasten harrte der Leserbriefe, die nur sehr spärlich eintrudelten, kurz, rege Betriebsamkeit erfüllte die alten Gemäuer.

Zu dieser Zeit wurde auch erstmals jener Weihnachtsbasar organisiert, der für die alte Schule zur Tradition wurde. 1978 verließ ich die ehrwürdige Institution (keiner hatte geglaubt, daß ich schon so früh und vor allem erfolgreich gehen würde) und versprach, wiederzukommen, ins andere "Lager".

Doch hatte es schon während meiner Schulzeit immer geheißen, wir würden bald übersiedeln, so wurde es nun zur Tatsache, und die neue Adresse lautete Landwiedstraße 82. Es gab nun richtige Turnsäle, man mußte nicht mehr wie damals in anderen Schulen "fremdturnen", der Zeichensaal war wirklich ein Zeichensaal, nichts mehr, was umfunktioniert, umgestaltet wurde, alles praktisch, pflegeleicht, schulisch.

Ich würde lügen, sagte ich, mir gefiele die neue Schule besser als die alte. Es wäre, als behaupte man, ein neuer Hut sei einem vom ersten Blick an gleich vertraut wie jener ausgediente, von dem man sich schweren Herzens getrennt hat. Als ich 1986 als Probelehrerin in die Landwiedstraße kam, vermißte ich den Geist der Gemäuer von damals und dachte, darin läge das Geheimnis. Doch so, wie nicht der Hut, sondern meine Einstellung zu ihm sich verändert, so erging es auch mir mit den blanken Böden und den weiten Gängen. Es sind nicht die Wände, die Säulen, wenn sie auch einiges erleichtern. Es sind im Grunde immer nur die Menschen, ihr Geist prägt das Haus, macht es zu etwas Besonderem - und diese Menschen waren da.

Was gibt es weiter zu sagen? Wirft man mir vor, ich glorifizierte die Schulzeit? Ihre Schattenseiten sind jedem von uns zur Genüge bekannt - warum an dieser Stelle darüber schreiben? Hier geht es um eine alte und um eine neue Schule. Egal wie sie aussieht, sie sollte immer etwas Familie sein.

Liane Locker-Czeki, Absolventin der Hummelhofschule