Der Exilliterat Alfredo Bauer besuchte während seines letzten Österreich-Aufenthalts das BG/BRG Rohrbach, las aus seinen Werken und diskutierte mit den Schülern der 8A-Klasse.
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| G. Giesa, Alfredo Bauer | S. Zellinger, G. Giesa |
| 18. 03. | Ankunft in Linz; Interview im ORF-Studio Linz |
| 19. 03. | Workshop im BG / BRG Schauerstr. (Wels) Lesung im Kornspeicher (Wels) |
| 20. 03. | Lesung im BG / BRG Rohrbach (8A-Klasse) Lesung im Pfarrheim Sarleinsbach |
BIOGRAPHIE
Geb. am 14. 11. 1924 in Wien. Besuch des Akademischen Gymnasiums in Wien. Im Februar 1939 Emigration nach Argentinien. In Buenos Aires Besuch der Pestalozzi-Schule. 1942 Matura an der Mittelschule "Bernardino Rivadavia". 1943 - 49 Medizinstudium. Bauer arbeitet als Kinderarzt, Gynäkologe und Geburtshelfer. Aktive Mitarbeit in der Frei - Österreich - Bewegung und Engagement für demokratische und soziale Emanzipation. Neben seinem Arzt-Beruf war und ist Bauer als Schriftsteller und Übersetzer tätig. Er schrieb populärwissenschaftliche Werke (u. a. über Frauen-Emanzipation, Sexual-Aufklärung), Reisebeschreibungen, historische Erzählungen und Romane. Er hat zahlreiche deutschsprachige Autoren ins Spanische übersetzt (Heine, Goethe, Schiller, Bürger, Claudius, Brecht, Kästner, Soyfer, Hacks, Mitterer u.a.) sowie umgekehrt (Lope de Vega, Cervantes, Góngora, Quevedo, Juan Ruiz u.a.). Bauer wurde mehrfach durch Auszeichnungen geehrt (Ehrenschleife des Argentinischen Schriftsteller Verbandes 1982 und 1991) und ist Mitglied des Argentinischen und Österreichischen Schriftstellerverbandes.
Werke: Des Teufels Wettermacher. Ein Kleinkunststück (1958); La mujer, ser social y conciencia (1970); Historia crítica de los judíos (1971/1994); La mujer en el socialismo (1974); Sexo, moral, felicidad (1976); Los compañeros antepasados: fünfbändige Familiensaga (La esperanza trunca, 1976; El falso auge, 1977; Hacia el abismo, 1979; Prueba de fuego, 1982; Nuevo Mundo. Relatos de perseguidos y refugiados, 1985); El hombre, la fe, el delirio y la razón (Erzählungen), 1982; El origen de la República Democrática Alemana y otros ensayos ensayos históricos (1984); Alemania, cuento de invierno. Y otros poemas (Heine - Übers.), 1984; Sexo y sociedad (Sammlung von Aufsätzen gemeinsam mit Mabel Fernández und Silvina Singer), 1988; Un viaje (Relatos. Recuerdos. Reflexiones), 1992; El Martín Fierro que yo viví (Roman über José Hernández), 1992; Der Mann von gestern und die Welt (Roman über Stefan Zweig), 1993; Versübersetzungen von Zweigs "Tersites" und Hacks "Adam und Eva", 1993; Vitzliputzli, Atta Troll y otros poemas (Übersetzungen von Werken Heines), 1994; Der Gaucho Martín Fierro (Nachdichtung des Gaucho-Epos von José Hernández, mit einem Kommentar von Gerhard Giesa), 1995; Übersetzungen von Werken Felix Mitterers (Stigma, Krach im Hause Gott), 1995; Aus allen Blüten Bitternis (Libretto zur gleichnamigen Oper über Stefan Zweigs letzte Jahre), 1996; Hexenprozess in Tucumán und andere Chroniken aus der Neuen Welt. Hrsg. v. Erich Hackl, 1996; Geliebteste Tochter (Roman), 1997; Hier heb' ich zu singen an. Dichtungen im Umfeld des Martín Fierro (Gemeinsam mit Gerhard Giesa): Faust (Estanislao del Campo/ deutsch v. A. Bauer, Ein Abenteuer des Pollo (Manuel Mujica Lainez/dt.v. A. Bauer); Der Sohn Martín Fierros (Rodolfo Bartolomé Aprile/dt. v. G. Giesa); Der verfolgte Sänger (Atahualpa Yupanqui/dt. v. G. Giesa); Erbe für einen Gauchosohn (José Larralde/dt. v. G. Giesa); Neue Strophen für die Söhne Martín Fierros (Victor Velázquez/dt. v. G. Giesa); Martín Fierro aus meiner Sicht (Alfredo Bauer), 2000.
TEXTAUSSCHNITTE
JOSÉ HERNÁNDEZ: DER GAUCHO MARTÍN FIERRO
Deutsche Nachdichtung: Alfredo Bauer
I.
| Hier heb ich zu singen an | |
| und rühre dazu die Saiten. | |
| Der Mensch in des Kummers Zeiten, | |
| in Not und Zerrissenheit, | |
| kann wie der Vogel dem Leid | |
| 6 | durchs Singen Linderung bereiten. |
Ich bitte die Heiligen im Himmel, |
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| sie mögen mir Hilfe schenken, | |
| um ordentlich nachzudenken, | |
| mir das Gedächtnis erquicken, | |
| die rechten Worte mir schicken | |
| 12 | und mein Überlegen lenken. |
Kommt, heilige Wundertäter, |
|
| kommt her und stehet mir bei! | |
| Die Zunge machet mir frei, | |
| den Blick und das Denken klar. | |
| Es helf die himmlische Schar, | |
| 18 | damits auch was Rechtes sei. |
Hab viele Sänger gesehen, |
|
| die waren rühmlich bekannt. | |
| Sie habens nicht angewandt | |
| und wurden müd auf der Reise, | |
| verloren die rechte Weise. | |
| 24 | Wer kennt die heute im Land? |
Wie andere Kreolen hier |
|
| wird Martín Fierro es wagen, | |
| mitnichten dabei verzagen; | |
| Gespenster schrecken ihn nicht, | |
| und wo ein jeglicher spricht, | |
| 30 | da wird er das Seine sagen. |
Ja, singend will ich einst sterben |
|
| und so auch begraben sein. | |
| Singend ziehe ich ein | |
| bei Gottes himmlischen Toren. | |
| Zum Singen hat mich geboren | |
| 36 | die Mutter in großer Pein. |
O hätte ich tausend Zungen |
|
| und fehlte mir nie ein Wort! | |
| Fürwahr, wenn ich singe dort, | |
| vergess ich alles umher. | |
| Und sänk die Erde ins Meer, | |
| 42 | ich setzte das Singen fort. |
Ich sitze nieder im Tal, |
|
| sing Lieder der besten Arten. | |
| Die Gräser zittern, die zarten, | |
| so leise bewegt vom Winde. | |
| Gedanken, die ich da finde, | |
| 48 | misch ich wie im Spiel die Karten. |
Ich bin kein studierter Sänger |
|
| und sing wie der Vogel im Baum. | |
| Die Zeit vergeht wie im Traum. | |
| Ich werde beim Singen grau. | |
| Die Verse perlen wie Tau, | |
| 54 | wie sprudelnder Wasserschaum. |
Wenn ich die Gitarre spiele, |
|
| nicht eine Fliege mich stört, | |
| auch sie mein Gesang betört. | |
| Wenn meine Lieder erklingen, | |
| die hellen Saiten, sie schwingen, | |
| 60 | den brummenden Baß man hört. |
Ich bin doch ein rechter Bulle, |
|
| zuhaus und in fremdem Revier. | |
| Ich hielt immer viel von mir, | |
| und fordert mich wer heraus, | |
| bin ich bereit auch zum Strauß: | |
| 66 | Laßt sehn, wer der Bessere hier! |
Ich weiche dem Feind nicht aus, |
|
| und führt er Böses im Schilde. | |
| Mit Friedfertigen bin ich milde. | |
| Doch geht es hier hart auf hart, | |
| so ists auch nicht meine Art, | |
| 72 | zu weichen im Kampfgefilde. |
Denn in der Gefahr, Herr Jesus, |
|
| da wird ja das Herz mir weit. | |
| Die Welt ruf ich auf zum Streit. | |
| Und keiner sich was wundern kann: | |
| Wer kraftvoll sich fühlt als Mann, | |
| 78 | der ist auch zum Kampf bereit. |
Ich bin ein Gaucho, versteht: |
|
| Was heißts, ein Gaucho zu sein? | |
| Für mich ist die Erde klein, | |
| s wird in der Enge mir bange. | |
| Mich sticht so leicht keine Schlange, | |
| 84 | mich brennt nicht der Sonnenschein. |
Ich kam zur Welt wie der Fisch |
|
| am Grunde der Meereswelt. | |
| Und niemand es mir vergällt, | |
| was Gott mir da gab zu Lehen; | |
| es wird nur mit mir vergehen, | |
| 90 | wies unserem Herrgott gefällt. |
Ich leb wie der Vogel im Baum, |
|
| so leicht, so stolz und so frei, | |
| halt nichts von Nestbauerei | |
| am Boden, wo Leid genug. | |
| Doch hebe ich mich zum Flug, | |
| 96 | so folgt mir keiner dabei. |
Auch in der Liebe hab ich |
|
| nie Grund zu Klagen gegeben; | |
| wie sorglos die Vögel leben, | |
| die fröhlich sind auf den Bäumen. | |
| Der Klee ist mein Bett zum Träumen, | |
| 102 | mich decken die Sterne eben. |
So wisset, die ihr mich hört, |
|
| den Hergang von meinem Leid: | |
| Aus bittrer Notwendigkeit | |
| schlug ich im Streit einen tot. | |
| Es trieb mich in solche Not | |
| 108 | die menschliche Schlechtigkeit. |
Vernehmt also hier, was dieser |
|
| verfolgte Gaucho erzählt, | |
| der nie seine Pflicht verfehlt | |
| als Vater und Mann vorzeiten, | |
| der aber doch von den Leuten | |
| 114 | wird zu den Räubern gezählt. |
EIN GRINGO WIRD PATRIOT
(aus: Hexenprozess in Tucumán,
S.19-23)
[...]
Seit dem Tag meiner Ankunft sind dreißig Jahre vergangen. Doppelt so viele wie die, welche ich in jenem Land im Herzen Europas verbracht habe, von dem mir viele Erinnerungen geblieben sind, dessen Stempel meiner Persönlichkeit noch eingeprägt ist, für das ich aber kein Zugehörigkeitsgefühl mehr empfinde. meine Heimat ist hier. Der Wechsel konnte nicht von ungefähr geschehen, sondern war ein langwieriger und mitunter sehr schmerzlicher Prozess. Denn wer sich leicht von einer Stelle zur anderen verpflanzen läßt, der wurzelt im Grunde nirgends.
[ ... ]
Wie schwer die Fremde zur neuen Heimat wird, das weiß nur, wer es erlebt hat. Selbst unter einem so gastfreundlichen und jedem Fremdenhass abgeneigten Volk wie dem argentinischen.
[ ... ]
Ich habe aber den Sprung getan und ganz getan. Was ich nicht getan habe, und was auch keiner von mir velangt hat, war, das wertvolle europäische Kulturgut über Bord zu werfen. Im Gegenteil - man wollte und man nahm mich als den, der ich war, mit allem, was ich von drüben mitgebracht hatte. Was ist die argentinische Nation denn anderes als ein ungeheures Amalgam von Eigenschaften und Kulturmerkmalen verschiedenster Völker, die sich ihr im Laufe mehrerer Jahrhunderte einverleibt haben? Je wertvoller das kulturelle Attribut jedes einzelnen Neuankömmlings, desto besser wird das Resultat dieses Prozesses sein, der noch lange nicht abgeschlossen ist.
Auch meine Kinder sollen so viel wie möglich mitbekommen von dem, was ich »von drüben« bewahre. Sie wissen es zu schätzen, und man weiß es an ihnen zu schätzen. Das mag vielleicht eine gewisse Gefahr in sich bergen, und in anderen Fällen mögen solche »Gringos der zweiten Generation« oder »Kreolen der ersten« als Fremde im eigenen Land aufwachsen. Bei unseren Kindern aber haben wir das vehindert, indem wir sie von klein auf mit dem Leben und der Kultur ihres Landes in Berührung brachten, mit den Bestrebungen, Interessen und Kämpfen des argentinischen Volkes und seiner Jugend. Bei uns selbst ist die Sache ohnedies schon entschieden.
Den Akzent der Aussprache werde ich vermutlich bis an mein Lebensende behalten. Aber der stört weder mich noch andere. Denn ich habe den Akzent der Geisteshaltung abgelegt, der so vielen Gringos bleibt, zu ihrem eigenen und ihres Landes Schaden.
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