Gesellschaft Österreichischer Chemiker
Arbeitskreis Ausbildungsfragen

Stellungnahme zum Lehrplan-Reformprojekt
( Weißbuch zum Lehrplan "99" )


Die folgende Stellungnahme geht davon aus, daß zukünftige Lehrplanänderungen im Wesentlichen Leitlinien folgen, wie sie im "Weißbuch zum Lehrplan "99" niedergelegt sind.
Im Folgenden wird nicht auf einzelne Details des Entwurfs eingegangen, sondern auf einige der wesentlichen Grundzüge der geplanten Struktur.



Trennung in Kernstoff und Erweiterungsstoff

Der Entwurf sieht vor, den Lehrplan eines Unterrichtsgegenstandes in einen Kernbereich und einen Erweiterungsbereich aufzuteilen. Durch diese Aufteilung sollen - unter anderem - Freiräume für eine autonome Profilierung der Schulen geschaffen werden.
Diese Aufteilung ist jedoch nur dann zielführend, wenn für den Unterricht des Kernstoffes genügend Zeit verfügbar ist und Klarheit darüber besteht, was, wann und von wem unterrichtet werden soll. .

Wir schlagen daher vor:

Der Kernstoff muß in Bezug auf Inhalt und Stundenzahl den einzelnen
Fächern zugeordnet werden.

Es muß eine klare Zuordnung des Stoffes zu einzelnen Schulstufen
geben.


Grenzen der Schulautonomie

Würden der Schulautonomie so wenig Grenzen gesetzt wie im "Weißbuch", wäre es unmöglich, das Ziel zu erreichen, das im Entwurf als das zweite Ziel des "splitting" angeführt wird: die Etablierung eines "allgemein verbindlichen bundesweiten Standards". Würde dieses Ziel verfehlt, wäre es sehr schwierig bis unmöglich, die bisher bestehenden Optionen für einen Übertritt in die verschiedenen Oberstufenformen (AHS, BMHS) zu realisieren. Diese Optionen sind jedoch eine der Stärken der heutigen Lehrplanstruktur.

Noch gravierender ist, daß es schwierig wird, auch nur den Schulort zu wechseln, was - wie man zur Zeit vermutet - in Zukunft wegen der notwendigen steigenden Mobilität der Arbeitskräfte häufiger notwendig werden wird. Jedes Abgehen von einem bundesweiten Standard verletzt die Chancengleichheit. Eine solche Verletzung der Chancengleichheit wäre nur durch eine jährliche, bundesweite, zentrale Prüfung über den Kernstoff zu vermeiden.

Wir schlagen daher vor:

Weder die Festlegung des genauen Umfangs des Lehrplans noch
die Aufteilung des Stoffes auf die Schulstufen im Rahmen der
Schulautonomie können den einzelnen Schulen allein überlassen werden.

Es ist zweifelsohne sehr zu begrüßen, daß der Unterricht durch die Möglichkeit von speziellen Projekten im Rahmen des Erweiterungsstoffes lokalen Interessen angepaßten, lebensnäher und motivierender gemacht werden kann.
Der Versuch, diese Ziele durch weitgehende Individualisierung der einzelnen Schulen zu erreichen, dürfte theoretischen Pädagogen attraktiver erscheinen als den Praktikern unter den Lehrern.
Eltern und Praktiker unter den Lehrern wissen, daß die Motivation der Schüler und deren Lernerfolg vor allem durch kenntnisreiche, motivierende Lehrer und deren didaktisches Geschick bestimmt wird.
Deshalb kommt dem Ausbildungsstand der Lehrer, welche an den HS Chemie unterrichten, besondere Bedeutung zu. Dieser Ausbildungstand ist zur Zeit äußerst unbefriedigend: so ist etwa die Hälfte der Lehrer, die heute an den HS Chemie unterrichten, in diesem so wichtigen Fach nicht geprüft ! Diese Lehrer haben sehr oft ihre Fächer gewählt, weil ihnen die abstrakteren naturwissen- schaftlichen Fächer fern waren.

Wir schlagen daher vor:

Es muß das Ziel sein, Chemie nur mehr von Lehrern unterrichten zu
lassen, die in diesem Fach auch geprüft wurden.
Bis dahin ist für die nicht in Chemie ausgebildeten und geprüften
Lehrer im Rahmen einer intensivierten beruflichen Weiterbildung
eine entsprechende Fachausbildung vorzusehen.


Das Lehrplanprojekt bemüht sich, zwischen zwei miteinander nicht ohne Kompromisse zu verfolgenden Zielen einen tragbaren Kompromiß zu finden: dem Wunsch, nach einer Stärkung der Schulautonomie und der Notwendigkeit, bundesweite Standards zu erhalten, welche erst die Chancengleichheit der Schüler Realität werden lassen. Der im "Weißbuch" erkennbare Trend geht eher in Richtung auf Ausbau der Schulautonomie selbst auf Kosten der Chancen- gleichheit.
Im Gegensatz dazu sollte die Entwicklung in Richtung auf noch größere Annäherung an Chancengleichheit fortgesetzt werden.

Wir schlagen daher vor:

Angleichung der HS an die AHS:
Ein Weg dahin ist die weitgehende Angleichung der Lehrpläne der
Hauptschule an die Unterstufe der AHS und nicht umgekehrt.

Dazu muß der Gegenstand Physik/Chemie der HS - wie in der AHS -
in die Fächer Physik und Chemie getrennt werden. Beide Fächer
müssen mit hinreichend vielen Stunden ausgestattet sein.


Erweiterungsbereich

 

Der Entwurf sieht vor, daß ein bestimmter Anteil der Stunden eines Gegenstandes dem Kernbereich vorbehalten bleiben muß. Diese klare Aussage wird jedoch sofort dadurch eingeschränkt, daß es im Rahmen der Schulautonomie möglich sein soll, mit einem Beschluß entsprechender - im Entwurf nicht klar definierter - Gremien zugunsten des Erweiterungsbereichs auch auf Stunden des Kernbereichs zurückzugreifen.

Wir sind aber der Meinung:

Ein Zugriff auf den Kernbereich zugunsten des Erweiterungs-
bereichs ist jedoch aus den oben angeführten Gründen abzulehnen.

Ein Projekt in einem Erweiterungsbereich zu starten, ohne daß die Teilnehmer bereits die Kernbereiche der notwendigen Fächer absolviert haben, vermittelt nur den leider weit verbreiteten Eindruck, daß sich Probleme "interdisziplinär" schon dann lösen lassen, wenn die am Problem Arbeitenden von allen Aspekten des Problems eine vage Ahnung haben. In der Realität ist interdisziplinäres Problemlösen jedoch nur dann möglich, wenn die Mitglieder des Teams eine solide Kenntnis ihres Faches in die Lösungsversuche einbringen können.


Wir sind daher der Meinung:

Der Erweiterungsbereich kann erst dann in den Unterricht
einbezogen werden, wenn die für das geplante Erweiterungsthema
relevanten Kernbereiche gelehrt wurden.

Die Stunden zur Durchführung interdisziplinärer Projekte dürfen
keinesfalls ausschließlich aus den Stunden rekrutiert werden, die
dem Erweiterungsbereich eines einzigen Gegenstandes vorbehalten
sind.


In der heutigen Schulrealität wird die Möglichkeit, Schwierigkeiten zu umgehen, genau so genützt werden wie in allen Zeiten vorher. Davon sind in erster Linie die naturwissenschaftlichen Fächer bedroht, da sie als besonders schwierig angesehen werden. Wenn nun alle realistischen Fächer mit Mathematik zu einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich zusammengezogen werden und dieser Bereich wegen der Anforderungen der Mathematik aus guten Gründen relativ reichlich mit Stunden ausgestattet ist, wird die Versuchung, Stunden für den Erweiterungsbereich aus diesem Bereich zu rekrutieren, groß sein. Auch von daher ist der Chemieunterricht in Gefahr.

 

em.o.Univ.Prof.Dr.Karl Schlögl Wien, im Februar 1997

(Vorsitzender)

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