Interview mit Prof. Balduin Sulzer:

 

M: Wieso verzichtet die zeitgenössische E-Musik ausgerechnet auf die Melodie, die der U-Musik Einprägsamkeit und Popularität verleiht?

 

Die zeitgenössische E-Musik verzichtet keineswegs auf die "Melodie"; für die E-Musik ist die "Einprägsamkeit" aber eine zweitrangige Eigenschaft, die einer Melodie zukommen kann; die E-Musik erlaubt es der Melodie, auch hart, provokant, aggressiv, fallweise sogar hässlich und verletzend zu sein. Warum? Weil die zeitgenössische E-Musik, so wie die moderne Malerei, Skulptur und Literatur auch die Härten unserer Existenz zum Thema macht und sie zwecks Verdeutlichung des Ausdrucks bewusst überzeichnet.

 

Auch der "Harmonie"-Begriff der neueren E-Musik ist im Vergleich zu den Harmonien der U-Musik viel weiter gesteckt, weil die E-Musik oft aus der traditionellen Dur-Moll-Tonalität ausspringt und anderen Normen folgt, etwa im sog. "12-Ton" bzw "seriellen" Bereich; das erschreckt die Zuhörer, weil sie glauben, in einem Meer von Dissonanzen ertrinken zu müssen und sich nicht bewusst werden, dass die tausenderlei Möglichkeiten des "dissonierenden" Zusammenklingens von Tönen feinste Ausdrucksschattierungen ermöglichen, die im vergleichsweise "einfachen" und "leicht verständlichen" Harmoniebild so nicht erreicht werden können.

 

Am leichtesten treffen sich U- und E-Musik im Bereich der Rhytmik, besonders wenn es sich dabei um gleichbleibend pulsierende "Ostinato"-Elemente handelt; daher wohl auch die natürliche Freundschaft zwischen der neueren U-Musik und der Barockmusik. Freilich pflegt die zeitgenössische E-Musik auch jene Rhytmik, die man, auf die Sprache bezogen, mit dem auf gleichbleibenden Pulsschlag verzichtenden Prosa-Rhythmus vergleichen könnte.

 

Auf welche Art können junge Leute, die von der U-Musik begeistert sind, den Weg zu den spezifischen Werten der E-Musik finden?

 

Man sollte den jungen Leuten klar machen, dass es in der Musik sozusagen zwei Sprachen gibt, die man beide von der "Anhör-Technik" her beherrschen sollte:

da wäre die U-Musik mit ihren im Vokabular und Grammatik relativ einfachen Gegebenheiten, die sich besonders eignet, spontane Gefühle anzusprechen und lautstarke, mikrofongetönte Unterhaltung zu garantieren;

 

auf der anderen Seite die E-Musik mit ihrem deutlich erweiterten Vokabular und der filigran durchstrukturierten Grammatik, die man konzentriert hören sollte, weil sie oft kniffelig verschlüsselte, in musikalischen Metaphern ausgedrückte Inhalte transportiert: das können philosophische, politische und religiös – ideologische Inhalte sein, aber auch kritische, ironische und parodistische Passagen lockern die musikalische Landschaft immer wieder auf. Klar, dass die Aufführungsrituale der U-Musik sich von denen der E-Musik deutlich unterscheiden (lautstarkes, impulsives Mitgehen auf der einen, still diszipliniertes Zuhören auf der anderen Seite). Die große Masse des Publikums ist naturgemäß bei den Veranstaltungen der U-Musik anzutreffen, die neben einer naiv-offenen Grundeinstellung erforderliche Bereitschaft zum analytischen Hören mag wohl der Grund dafür sein, dass sich die E-Musik damit reduzierten Besucherzahlen abfinden muss. Freilich darf man nicht vergessen, dass es reichlich junge Menschen gibt, die beide Musiksprachen problemlos verstehen.

Was könnte man in der Vermittlung der neueren E-Musik verbessern?

 

Ich halte es für wichtig, dass den jungen Leuten – etwa durch einen Moderator – Inhalt und Aufbau der am Programm stehenden zeitgenössischen Stücke erläutert werden; dass charakteristische Themen, harmonische Wendungen und rhytmische Verflechtungen vorgespielt werden; und dass unter Umständen Querverbindungen zu anderen Kunstarten, zu Gesellschaft, Politik, etc. hergestellt werden. Diese Einführungs-Aktionen können durchaus im Rahmen des Konzertes stattfinden; bei Opern ist es zweckmäßig, die Informationsveranstaltung etwa 1 Stunde vor Vorstellungsbeginn anzusetzen – wie dies beispielsweise am Linzer Landestheater erfolgreich gehandhabt wird.

 

Wie häufig bringen Sie eigene Werke aufs Podium?

 

Konzerte mit ausschließlich eigenen Werken- wie beim Benefizkonzert am 5. Nov. 2000 – sind eher selten, da findet man kaum Veranstalter. Im gemischte Programme lassen sich einzelne Werke leichter hineinschmuggeln, vielleicht 40-50 mal pro Saison.

 

Ist es schwer, Künstler zu finden , die zeitgenössische Musik mit angemessener Perfektion spielen können?

 

Geeignete Interpreten zu finden ist relativ einfach, denn es gibt viele junge Musikerinnen und Musiker, die für die Bewältigung technischer Schwierigkeiten einen geradezu sportlichen Ehrgeiz entwickeln und dabei hochgradige Perfektion erreichen; die Wettbewerbe „Prima la Musica“, „Das Podium“, um nur zwei zu nennen, beweisen, dass Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren nicht selten schon über professionale Qualitäten verfügen.

 

Warum haben Sie sich fürs Komponieren entschieden?

 

Ich spüre einen Drang in mir, mich musikalisch auszudrücken, zu phantasieren, spintisieren, Gedanken zu formulieren und an diesen Formulierungen zu schleifen und zu feilen, fallweise auch zu verfremden, musikalisch zu blödeln und den Künstlern die Möglichkeit zu Ausdruck und Brillanz zu geben.

 

Wann haben Sie begonnen sich für zeitgenössische E-Musik zu interessieren?

 

Interessiert habe ich mich erstmalig in meiner Gymnasialzeit (etwa ab der 5. Klasse). Gefallen hat sie mir erste im Lauf meines Hochschulstudiums. Für die zeitgenössische E-Musik überzeugt eingetreten bin ich seit Beginn meiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer, Dirigent, Korrepetitor sowie im Rahmen meiner Arbeit in der „Musikalischen Jugend Österreichs“ und im Verlauf meiner journalistischen Tätigkeiten.