Pietismus


Defination: Bewegung des dt. Protestantismus im 17./18. Jh., die eine subjektive Frömmigkeit entwickelte und eine Erneuerung der Kirche zum Ziel hatte; im Mittelpunkt steht nicht mehr die Rechtfertigung, sondern die Wiedergeburt jedes einzelnen Menschen.

Pietistische Anfänge:

Der Pietismus entstand an verschiedenen Orten in Deutschland und kannte auch Vorläuferbewegungen und -Personen (z.B. Johannes Arndt).

Einer der Gründerväter des Pietismus war Philipp Jacob Spencer (1635-1705). Spencer begann 1570 in Frankfurt am Main, private Erbauungsstunden abzuhalten (die sogenannten collegia pietatis). In seiner bekanntesten Schrift Pia Desideria forderte er die persönliche Umkehr zu Gott, die Wiedergeburt des einzelnen in neutestamentlichen Sinne. Nach Spencers Tod verlief sich der Pietismus wieder, weil die rationalistische von der Aufklärung beeinflusste Theologie immer mehr Verbreitung fand.

Mit dem Pietismus, einer der wichtigsten innerkirchlichen Reformbewegungen, die nach der Reformation entstanden sind, hat eine neue Form protestantischen Christentums Gestalt gewonnen, die weit über den Raum der institutionell verfaßten Kirche hinausgewirkt hat, etwa im Bereich der Pädagogik und Armenfürsorge. Kritik lebensferner kirchlicher Lehrsysteme, Konzentration auf die individuelle, praktische Frömmigkeit, Suche nach eigenständigen Organisationsformen für diese Frömmigkeit - all das sind Impulse, die im Wechsel- und Wider-spiel mit der beginnenden Aufklärung, in der Geschichte des Protestantismus nachhaltige Wirkungen entfaltet haben.

Seine Vertreter glauben an das persönliche Erleben der göttlichen Gnade; das Individuum benötige die Vermittlung der Kirche nicht. Die Selbstbeobachtung und -analyse beeinflussen in weiterer Folge unter anderem die Bewegung der Empfindsamkeit, Goethe und zum Teil die Romantiker.

Auch wichtige Vertreter der Aufklärung wie zum Beispiel Lessing und Kant erhalten vom pietistischen Gedankengut wichtige Impulse.

Der Pietismus trat für das Persönliche gegen das Anstaltsmäßige, für die Freiwilligkeit gegen den Zwang, für die Aktualität gegen die Tradition, für das Recht des Laien gegenüber dem Theologen und für die Bekenntniskirche gegen die mit äußerer Autorität wirkende Staatskirche ein.

Auf die kürzeste Formel gebracht, läßt sich die Absicht des Pietismus als Weltverwandlung durch Menschenverwandlung bestimmen.

In der Geschichte des Christentums bleiben somit dem Pietismus folgende wesentlicht Verdienste:

  1. Er hat die Selbstverständlichkeit des gewohnheitsmäßigen Christseins aus Tradition aufgelöst und den Ernst der persönlichen Entscheidung wiederhergestellt. Damit ist er in der Sache und in der Form dem modernen Freiheitsbewußtsein der Menschheit entgegengekommen.
  2. Gegenüber dem artverwandten mystischen Spiritualismus hat er die Entstehung eines "Christentums gegen (bzw. Ohne) die Kirche" verhindert und die Ablehnung der gemeinschaftsgebundenen Form wie des Institutionalismus in die christentumslose Freireligiosität verwiesen.
  3. Er hat schärfer und behutsamer als alle Vorgänger - das Urchristentum als exemplarische Möglichkeit für die Gegenwart wiederaufgerichtet. Es bleibt seine Grenze und seine Tragik, daß er all das nur um den Preis einer grundsätzlichen Abänderung oder Preisgabe notwendiger christlicher Grunddaten vermochte. Bei seiner Orientierung war es unvermeidlich, daß die Frage nach dem neuen Menschen, der neuen Gemeinde und der neuen Welt die Frage nach Gott selbst verdunkelte. So gilt gegen ihn Kierkegaards Wort: Gottes bedürfen, ist des Menschen höchste Vollkommenheit.

Vernunftreligion


"Die neue Frömmigkeit": Die Aufklärer wollten an Stelle der Offenbarungsreligion eine Vernunftreligion. Alle Glaubensinhalte sollten mit dem logischen Denken in Einklang zu bringen sein.