1774 entstand dieses poetische Werk, wofür mehrere biographische Fakten ausschlaggebend waren: 1772 ging Goethe ans Reichskammergericht in Wetzlar. Dort lernte er Sekretär Kestner und seine Verlobte Charlotte kennen. Goethe verliebte sich in Charlotte. Als ein Konflikt aller Beteiligten unab- wendbar erschien, riß er sich von Lotte los und verließ die Stadt.
Später erfuhr Goethe von Kestner vom Selbstmord eines Bekannten, der sich aus unüberwindlicher Neigung zu einer verheirateten Frau erschossen hatte.
Goethe war zu tiefst betroffen und fühlte
sich erst nach der Niederschrift des
Romans "wie nach einer Generalbeichte
wieder froh und frei".
Die Handlung wird in Form von Briefen
Werthers an seinen Freund Wilhelm
mitgeteilt. Da es keine Antwortbriefe
gibt, erhalten Werthers Briefe den
Charakter von Tagebuchaufzeichnungen.
Der Inhalt besteht vor allem aus Selbstbeobachtung und Analyse der Gefühle. Werther ist kein Kraftgenie wie Charakter die Helden der Sturm-und-Drang-Dramen, sondern ein Genie ohne Kraft und Werthers ohne Entschlossenheit. Seine Empfindsamkeit mach ihn innerlich reich, aber auch sehr verletzbar. Er ist seinen wechselnden Stimmungen wiederstands los ausgeliefert.
Der junge, hoffnungsvolle Werther wohnt in einer Kleinstadt, wo ihm eine Karriere als Botschafter bevorsteht. Er will ein Mädchen aus vergangenen Tagen vergessen und widmet seine Seele der Natur und der Malerei. Es ist Mai. Auf einem Ball im Juni lernt er Lotte, die Tochter eines Amts mannes, kennen und verliebt sich in sie. Lotte will und darf seine Liebe nicht erwidern, weil sie dem fleißigen, biederen Hofbeamten Albert ver sprochen ist. Lotte und Werther verleben eine kurze Zeit "himmlischer" Freundschaft, die durch die Rückkehr Alberts von einer Geschäftsreise beendet wird. Werther leidet unter dieser unerfüllten Liebe, versucht aber die Seelenverbundenheit mit Lotte weiterzuleben. Es wird ihm bewußt, daß er Lotte nie ganz für sich gewinnen kann. Das Dreiecksverhältnis wird so gespannt, daß Werther auf Drängen seines Freundes Wilhelm die Geliebte verläßt, um als Botschafter in den Dienst zu treten.
Damit endet der 1. Teil.
Es ist September. Werther ist mit seinem Vorgesetzten und mit seiner Arbeit nicht zufrieden. So geht das Jahr zu Ende. In der adeligen Gesellschaft weist man ihn zurück, obwohl er selbst findet, daß er ihnen auf Grund seiner Bildung ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen, ist. Diese Frustration richtet Werther nicht als Aggression gegen die feudale Gesellschaft, sondern gegen sich selbst. So kehrt Werther zu Lotte und Albert zurück. Die beiden haben in der Zwischenzeit geheiratet. Werther erkennt, daß seine Liebe zu Lotte immer aussichtsloser wird. Eines Tages küßt er sie leidenschaftlich, sie jedoch stößt ihn zurück und eilt davon. Werther erschießt sich in der folgenden Nacht.
Am Ende des 2. Teiles werden die
Briefe durch einen zusammenhängenden
Bericht des Adressaten Wilhelm über
Werthers letzte Tage abgelöst.
Zwei Briefe, die das völlige Gegenstück seines seelischen Leidens darstellen:
Am 10. Mai: Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin so glüchlich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein ver- sunken, daß meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfal tige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen der Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten - dann sehne ich mich oft und denke: Ach, könntest du das wieder ausdrücken, könntest du das dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, das es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des un- endlichen Gottes! - Mein Freund - Aber ich gehe darüber zugrunde, ich er- liege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.
Am 12. Dezember: Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste herumgetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ict nicht Angst, nicht Begier - es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mit die Gurgel zupreßt! Wehe! wehe! und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit. Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen; ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter, und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinuaf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mit hinaus die Flut in fürchterlich herr- lichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! dahinzubrausen wie die Wellen!
Noch im Erscheinungsjahr des Romans erfaßte ein wahres Wertherfieber die bürgerliche Jugend. Manche Leser glaubten man müsse die Poesie in Wirk- Auswirkungen lichkeit verwandeln. Unglücklich Liebende fühlten sich als Werther und kleideten sich wie dieser, es gab sogar Selbstmorde, die so ausgeführt wurden, wie es der Roman beschreibt. Viele Schriftsteller kopierten den Liebesroman und hatten mitunter noch größeren Erfolg als Goethe.