Rede von Gerhard Bronner
anlässlich der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Gunskirchen:

 

Der Ort, an dem wir uns hier befinden, ist mehr als eine Gedenkstätte. Im heurigen Jahr, das von zuständigen Stellen als Gedenkjahr bezeichnet wurde, wird vieler Ereignisse gedacht. Im Allgemeinen denkt man da an freudige Ereignisse, wie z.B. an das Wiedererstehen Österreichs, an den Staatsvertrag, sowie an den Abzug der Alliierten und anderes mehr. Aber viel zu wenig denkt man an die Befreiung der wenigen Überlebenden, die an Orten wie diesem festgehalten und zu unmenschlicher Zwangsarbeit verurteilt waren.

Diese Lücke im Jahr des Gedenkens wollen wir nun auffüllen, oder es wenigstens versuchen.

Wer in ein Konzentrationslager wie dieses eingeliefert wurde, musste drei Dinge aufgeben: erstens seinen gesamten Besitz, zweitens alle seine Ambitionen und drittens seine Menschenwürde.

Nur einer von zehn konnte überleben. Der Rest wurde gehängt, erschossen, erschlagen, starb an Unterernährung oder Entkräftung durch unmenschlich schwere Arbeit. Vermutlich war es jene Arbeit, die der Kärntner Landeshauptmann Jahre danach als „ordentliche Beschäftigungspolitik“ bezeichnete.

Er war es auch, der dieses Lager nicht als Konzentrations- oder Vernichtungslager, sondern als „Straflager“ bezeichnete.

Daraus ergibt sich die Frage: Wofür wurden die Menschen, die in diesen Lagern scharenweise vernichtet wurden, eigentlich bestraft? Was war ihr Verbrechen? Darf man es wirklich als Verbrechen ansehen, wenn ein Mensch nicht als deutscher Arier, sondern als irgendetwas anderes, als Ungar, Pole, Russe, Ukrainer, als Tschechoslowake, Franzose, Belgier, oder - Gott behüte - gar als Jude oder Zigeuner zur Welt kam? Der Reichsführer der SS Heinrich Himmler prägte für diese KZ-Insassen das Wort „Menschentiere, für die es keine Gnade geben darf“.

Das hinderte Jörg Haider trotzdem nicht, die KZs als Straflager zu bezeichnen. Und er ist leider nicht der einzige, der sich immer noch einer solchen Diktion befleißigt, der immer noch in Begriffen dieser unmenschlichen Zeit denkt: Ein Volksanwalt, der vorgibt, blau zu sein, obwohl er immer noch braun denkt, empfindet heute noch die Befreiung vom Nazi-Terror als Gewaltherrschaft der Siegermächte. Ein Bundesrat der Republik Österreich stellt die Existenz der Gaskammern in Frage, und einer seiner Kollegen, der beinahe Vorsitzender des Bundesrates geworden wäre, sprach öffentlich von einer „brutalen Verfolgung der Nationalsozialisten“ nach dem Krieg.

Im Verlaufe der vielen Diskussionen, sie seit Jahren über dieses Thema geführt wurden, habe ich noch kein einziges Argument gehört, warum Leute, die dieses himmelschreiende Unrecht befürwortet haben, NICHT brutal verfolgt werden sollten! Oder anders gefragt: Wen denn hätte man nach diesem Inferno verfolgen sollen als die Nazis, die das alles verschuldet haben?

Was immer ihnen nach dem Krieg angetan wurde, war nicht einmal ein Schatten dessen, was sie selbst jahrelang als kriegsbedingte Selbstverständlichkeit akzeptiert und durchgeführt hatten.

60 Jahre sind nun seit dieser schrecklichen Zeit vergangen; was damals geschehen ist, wurde hundertfach nachgewiesen und dokumentiert - trotzdem gibt es immer noch Menschen in unserer Demokratie, die das alles in Frage stellen, beschönigen, oder am liebsten ignorieren möchten. Sie behaupten, dass endlich ein Schlussstrich gezogen werden muss.

Einverstanden! Ziehen wir einen Schlussstrich. Aber dann möchte ich nicht eine Gruppe von Skinheads sehen, die, von einer Kundgebung Jörg Haiders kommend, das schreckliche Lied singt „Wenn´s Judenblut vom Messer spritzt“. Dann will ich nicht meinen Enkel einen Witz erzählen hören, der da lautet: „Was ist ein Jude mit einer Gasmaske? - Ein Spielverderber!“

Diesen Witz hat er vor gar nicht so langer Zeit von einem Schulkollegen gehört; der wiederum aller Wahrscheinlichkeit nach von seinen Eltern. Wann immer ich mit solchen Äußerungen konfrontiert werde, frage ich mich: „Wo bleibt der von alten und neuen Nazis so dringend herbeigesehnte Schlussstrich?“

Ich habe in einem langen Leben eines gelernt: Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus.

Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig.

Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent.

Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi.

Es gibt immer noch genug Menschen in unserem Land, die viel zu lernen hätten. Leider sehe ich keinen einzigen von ihnen bei der heutigen Gedenkfeier. Ich möchte daher mit einem Wort von Berthold Brecht schließen, das da lautet:

„Bleibt wachsam! Noch fruchtbar ist der Schoß, aus dem dies kroch!“

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Zurück zur KZ-Gedenkfeier