Natur und Umwelt im Buddhismus

Den Wesen allen soll man Frieden wünschen,
Glück für ihr Herz, Glück für ihr ganzes Leben.
Wie immer die Gestalt der Wesen ist:
Ob klein, ob groß, ob lang, ob kurz,
Ob stark, ob schwach, ob grob oder ob zart,
Ob sie uns sichtbar sind, ob unsichtbar,
Ob fern sie weilen oder nah uns sind,
Ob sie entstanden sind, ob sie ins Dasein streben,
Sie alle mögen glücklich sein!
Wie eine Mutter während ihres ganzen Daseins
Ihr einzig Kind beschützt mit ihrem Leben,
So möge man jedwedem Wesen gegenüber
Den Geist mit grenzenloser Güte füllen!

(Buddhistischer Lehrtext)

 

Buddhismus

Alle buddhistischen Traditionen gehen auf die Erfahrung des historischen Buddha Gautama zurück. Diese bildet den Ausgangspunkt für die Entwicklung der beiden verschiedenen Fahrzeuge zum Heil, dem Hinayana (Kleines Fahrzeug) und dem Mahayana (großes Fahrzeug). Es gibt im Buddhismus keine einheitliche Auffassung von der Umwelt und die Umwelt ist eigentlich kein Thema des Buddhismus.

Dennoch ergeben sich für einen modernen Buddhisten einige Konsequenzen und praktische Verhaltensmuster gegenüber der Umwelt.

Definition:

Unter Umwelt wird die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen verstanden. Dazu zählen alle jene Komponenten der Außenwelt, die direkt oder indirekt auf die menschlichen Lebensbedingungen einwirken und die gemeinsam ein Biotop bilden. Unter Biotop ist eine bestimmte Kombination von Umweltfaktoren zu verstehen, die sich wechselseitig beeinflussen. Dazu gehören alle Faktoren der unbelebten wie der belebten Umwelt. Bei den belebten, biotopischen Faktoren ist deutlich zwischen den Individuen der verschiedenen Gattungen, also zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen zu unterscheiden, da deren "Erlösungsfähigkeit" im Buddhismus sehr unterschiedlich bewertet wird.

Umwelt im Hinayana:

Für das Hinayana, die älteste Tradition des Buddhismus kann festgehalten werden:

Während die Daseinsanalyse des Hinayana keinen Grund benennt, sich um die Umwelt zu kümmern, diese vielmehr als Gefährdung für das Heil des einzelnen betrachtet und deshalb die Distanz zur Umwelt lehrt, weist die Ethik des Mit-Leidens und der Güte zur Sorge um die Umwelt an.

"Mögen alle Wesen wohl und glücklich sein.
Mögen sie heiter sein und in Sicherheit leben...
Möge ein jeder unbegrenzten, guten Willens sein
Gegenüber der ganzen Welt,
ohne Beschränkung und
frei von bösem Willen oder
Feindschaft."

(aus dem Metta-Sutra; nach Conze 96)

Umwelt im Mahayana:

Buddha wird zum absoluten Sein erhoben und mit dem Weltall und dem Selbst gleichgesetzt, wodurch sich die buddhistischen Lehren ins Kosmische wenden.

Während im Hinayana der Gläubige bemüht ist, das Ideal der Erleuchtung durch eigene Vervollkommung zu erlangen und so durch sich selbst ins Nirvana einzugehen, richten sich im Mahayana aufgrund der kosmischen Natur des Buddha die Heilsbemühungen auf die Befreiung aller Wesen.

Ein Wesen, das die Erkenntnis der Natur alles Wirklichen mit der Haltung der Güte und des Mit-Leidens auf ideale Weise verkörpert, ist der Bodhisattva (= Erleuchtungswesen bzw. auf Erleuchtung hin gerichtetes Wesen. Der Bodhisattva des Mahayana ist durch die Erkenntnis der Natur allen Seins in Güt und Mit-Leid seiner Umwelt zugewandt. So lautet das erste Versprechen der Bodhisattva-Gelübde: "Der Lebewesen sind zahllose. Ich gelobe, sie alle zu retten."

"Ein Weiser von großer Einsicht denkt zugleich an das eigene Heil, an das Heil des andern, an das beiderseitige Heil und an das Heil der ganzen Welt." (Glasenapp). Aus dieser Grundhaltung der selbstlosen Hilfe, die im Mahayana auch als "Bodhisattva-Ethik" bezeichnet wird, und aus der Einsicht in die Natur aller Wirklichkeit konnte sich somit der Gedanke entwickeln, daß auch die außermenschliche Natur für das Wohl und Heil des Menschen zumindest nicht bedeutungslos ist. Es bildet sich die Überzeugung heraus, daß wir die ganze Schöpfung mit uns in die Erleuchtung mitnehmen müssen, daß wir sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen können. Es besteht Hoffnung, daß die in ihr angelegte "Buddha-Natur" doch zur Entfaltung kommt: "Gras, Bäume, Erdboden – alles wird Buddha."

Das praktische Verhalten des Buddhisten seiner Umwelt gegenüber wird weithin bestimmt durch eine ethische Haltung des Mitgefühls mit allen Lebewesen.

Die buddhistische Umwelt-Ethik wird über die buddhistische Daseinsanalyse hinaus durch zwei ethische Prinzipien entscheidend bestimmt:

die Karma-Lehre von guten und schlechten Werken sowie
die Ahimsa-Lehre, welche das Nichtverletzen gebietet und zugleich ein Töten und Schädigen von Lebewesen in jeglicher Form apodiktisch verbietet.

Vegetarismus:

Obwohl der historische Buddha nicht festgelegt hat, daß man kein Fleisch essen darf, trifft man viele Buddhisten, die vegetarisch leben. Diese können den Außenstehenden zu dem Mißverständnis führen, daß der Vegetarismus wegen des Tötungsverbotes von Tieren für Buddhisten unbedingt verbindlich sei. Dies ist jedoch nicht so der Fall. Wo in allen Lebewesen die verborgene Buddhaschaft geglaubt wird, kann nur ein konsequenter Vegetarismus die Folge sein.

In der Umweltethik des Buddhismus steht das Wohlergehen aller Lebewesen im Vordergrund und nicht nur das der Menschen oder eines einzelnen.